Gegenwartskunst & Contemporary Art 21

Galerie Alexander Ochs Private zeigte u.a. Arbeiten von Axel Anklam und Bettina Scholz
Galerie Alexander Ochs Private zeigte u.a. Arbeiten von Axel Anklam und Bettina Scholz

Ab Ende des 20. Jahrhunderts entsteht durch die zunehmende weltweite Vernetzung eine Kunst mit Anspruch auf globale Zeitgenossenschaft ohne Grenzen. Internationale Kunstmessen und weltweite Biennalen haben die Wende zur globalen Ära vollzogen. Auf ihnen präsentieren Galeristen oder Kuratoren internationale und regionale Gegenwartskunst an jeweils neuen Standorten für ein kunst-affines Publikum. Diese Kunst wird nicht mehr als „modern“ bezeichnet, da dieser Begriff durch die Klassische Moderne und Postmoderne belegt ist. Es ist also kein Zufall, dass sowohl in der Benennung von Museen als auch in den Katalogen von Messen und Biennalen der Begriff "modern" durch "zeitgenössisch" abgelöst wird.

Auf der art KARLSRUHE 2020 wird es in direkter Nachbarschaft zur Kunst nach 1945 und zur Klassischen Moderne allerlei Beispiele zeitgenössischer Kunst geben, wo expressive Einflüsse offensichtlich sind, etwa in den Arbeiten von Markus Lüpertz, der von mehreren Galerien vertreten wird.

Auch Werke von zahlreichen international beachteten Künstlerinnen sind für die 17. Ausgabe der Messe angekündigt, beispielsweise von Miriam Cahn, Katharina Grosse und Karin Kneffel. In der Tat spielt die Malerei der etablierten Gegenwartskunst-Szene eine dominante Rolle: Imi Knoebel, Bernd Koberling, Neo Rauch, Anselm Reyle, Sean Scully – die Besucher und Sammler der Messe dürfen sich freuen, weil sämtliche Interessen bedient werden.

Dass Gerhard Richter, der kürzlich erneut auf Platz eins der „Top 100“ im „Capital-Kunstkompass“ landete, der zu den international teuersten Künstlern gehört, diesmal von immerhin sechs Galerien angekündigt wird, überrascht nicht wirklich, wohl aber die Tatsache, dass die Werke in allen Preislagen mitbringen wollen.

Mit dem Begriff „zeitgenössische Kunst“ oder auch „Gegenwartskunst“ ist keine Aussage zu Konzept, künstlerischem Stil, Technik, Form sowie Zugehörigkeit zu einer künstlerischen Strömung, Bewegung bzw. Gruppe verbunden. Zeitgenössische Kunst kann Malerei sein, aber auch in einer Form vorliegen, die sich erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten etabliert hat, wie die Videokunst, die Performance oder auch die Konzeptkunst. Viele Kunstmarktteilnehmer verstehen unter zeitgenössischer Kunst auch, dass sie von Zeitgenossen gemacht wird – dabei ist sicher nicht ausschlaggebend, ob der jeweilige Künstler noch lebt, wenn er als zeitgenössisch, auf die aktuelle Zeit reflektierend, empfunden wird.

ContemporaryArt 21

Gegenwartskunst & Contemporary Art 21 - Galerie Meno Parkas aus Litauen
Gegenwartskunst & Contemporary Art 21 - Galerie Meno Parkas aus Litauen

Es kam nicht von ungefähr, dass die art KARLSRUHE der allerjüngsten Kunst, der "ContemporaryArt 21", eine eigene Halle gegeben hat. In der dm-arena, wo auch die Preisverleihungen der Messe und das ARTIMA art meeting stattfinden, entwickelt sich folglich eine ganz eigene Atmosphäre, eine der Auseinandersetzung gewidmete Stimmung. Denn wo Gegenwartskunst der noch ungesicherten Art gezeigt wird, wo auch das Experiment eine Chance hat, geht es eben kontrovers zu. Womöglich dient der junge Erfolgsmaler Leon Löwentraut, den die Düsseldorfer Galerie Geuer & Geuer in Halle 4, der dm-arena, erneut präsentiert, als bestes Beispiel, denn unumstritten ist der Künstler in der Branche keinesfalls, obgleich ihn die Medien mit ganzseitigen Home-Stories feiern.

Im Blick nach vorn lässt sich freilich auch erkennen, dass selbst die jüngste Künstler-Generation klassisch an Leinwand und Farbe festhält, nur bedingt auf die Verführungen digitaler Herkunft eingeht. Die tausendmal totgesagte Malerei, so lässt sich beobachten, hat auf der art KARLSRUHE viel Zukunft, sogar dort, wo die Halle unter dem Titel ContemporaryArt 21 nicht zuletzt bildnerisches Risiko verspricht. Immerhin ist auf allen Kunstmessen, weltweit betrachtet, der Anteil der Medienkunst verschwindend gering. Die ZKM-Stadt Karlsruhe - das im übrigen auch in der dm-arena ausstellet - befindet sich mithin in bester Gesellschaft. Gesammelt wird lieber die Kunst für den Nagel oder den Sockel, als einer Kunst den Vorzug zu geben, die mit großem technischen Aufwand aus der Steckdose gespeist wird.

Skulpturenplatz der Galerie Tobias Schrade - die Vögel von Matthias Garff
Skulpturenplatz der Galerie Tobias Schrade - die Vögel von Matthias Garff

Weil die jüngste Kunst längst nicht mehr nur im klassischen Kunstraum anzutreffen ist, sondern den digitalen wie den öffentlichen Raum erobert hat, auch in ökologischen Gefilden oder im Dienstleistungsbereich auftaucht, an Wirtschaftssystemen arbeitet oder sich auf angewandtem Terrain bewegt, ist es heutzutage kaum mehr möglich, stilistische Verortungen vorzunehmen. Solche Versuche würden missglücken, allemal auf Ablehnung seitens der Künstler stoßen, weil sie ihre Freiheit mittlerweile dort gefunden haben, wo sie sich den zeitgeistigen Themen widmen.

Auf die früher auch für Kunstschaffende üblichen Markenzeichen zu verzichten, gehört zweifellos zum Standard-Programm, zur Basis jener neuen Haltung, die im engen Zusammenspiel mit politischen Entwicklungen gesehen werden will. Junge Künstler wollen analysieren, sich einschalten, etwas bewegen, ohne automatisch Ware liefern zu müssen. Gleichwohl kann von temporärer oder dauerhafter Performance keiner von ihnen leben.

Was Wunder also, dass in der art KARLSRUHE-Abteilung ContemporaryArt 21 die Bilder, Skulpturen, Installationen, Zeichnungen und Fotografien von jungen Künstlern zu sehen und zu erwerben sind, die sich etwa mit Klima- oder Gender-Forschung beschäftigen, die sich mit Macht- oder Ohnmacht-Fragen auseinandersetzen. ContemporaryArt 21 will im engen Dialog mit den Themen der Zeit wahrgenommen werden.